Digitale Nachrichtenproduktion über IT-Netzwerke

Der Umschwung von der analogen zur digitalen Fernsehwelt hat die Nachrichtenproduktion radikal verändert. Mit digitalen Produktionstechniken lassen sich News schneller und wirtschaftlicher produzieren. So erobert die Server gestützte Nachrichtenproduktion immer mehr den Broadcast-Betrieb.

Der Alltag von Redaktion und Produktion wird mittlerweile durch multifunktionale Newsroom-Systeme bestimmt. Damit können in einem System Agenturmeldungen gesichtet, Beiträge getextet und Sendeabläufe erstellt werden. Alle Funktionen laufen über weitgespannte Server-Netzwerke, durch die selbst das Sichten und Schneiden von Videomaterial im Newsroom möglich ist. Und schließlich lässt sich über ein Automationssystem vom Newsroom aus, eine Vielzahl von Geräten steuern. Man spricht von der integrierten digitalen Nachrichtenproduktion.

Will man Broadcast- und IT-Technologie zusammenführen bringt dies aber einige Probleme mit sich. Durch die komplexen Strukturen bei der digitalen Nachrichtenproduktion und auch um die Einspielung des unterschiedlichen Ingest-Materials zu handeln, ist die Funktionsfähigkeit und Vernetzbarkeit der einzelnen Komponenten die größte Herausforderung.

SNG vor Ort

SNG-Einsatz vor Ort

Dabei sind umfangreiche Komplettlösungen von vielen Sendern oft gar nicht erwünscht und kein Technikanbieter will mit seiner Lösung als zu proprietär gelten. Man hat gelernt sich auf die Gegebenheiten der Sender einzustellen. Diese müssen Kosten einsparen und wollen zum Teil auch vorhandene Geräte nutzen. Die meisten Fernsehsender können sich schon aus Kostengründen nur nach und nach eine integrierte digitale Nachrichtenproduktion aufbauen. Da heute selbst Nachrichten am liebsten in HD produziert werden, muss man höhere Investitionskosten einkalkulieren.

 

Die integrierte digitale Nachrichtenproduktion

Bei der digitalen Nachrichtenproduktion ist es für die TV-Sender wichtiger sich über die Vernetzung der verschiedenen Funktionsbereiche im Klaren zu sein, als sich für ein bestimmtes Produkt zu entscheiden.

Eine integrierte Nachrichtenproduktion muss folgende Workflows berücksichtigen:

  • Anzeige der Agenturmeldungen und Texten der Beiträge (im Newsroom)
  • Programm- und Sendeplanung (im Newsroom)
  • Aufzeichnen des ankommenden Video-Materials
  • Browse- (und eventl. Schnitt-) Funktionen innerhalb des Low-Res-Materials
  • Editing am Online- (High-Res-) Schnittplatz
  • Automation der Peripherie über Netzwerke
  • Management der Daten
  • Playout der Beiträge

Zentralsrever beim WDR

Zeitgleich zur Redaktionsarbeit im vernetzten Newsroom, wird im Produktionsbetrieb das Videomaterial auf einem separaten Netzwerk aufgezeichnet. Dies geschieht häufig im „Dual-Capturing“-Verfahren, welches das Material parallel in High-Res-Qualität für den späteren Onlineschnitt als auch in reduzierter Low-Res-Qualität für den Video-Browse-Betrieb aufnimmt. Andere Verfahren erzeugen erst im Nachhinein aus dem High-Res-Material die Low-Res-Qualität. Das High-Res-Material wird auf einen Videoserver gespeichert und von dort den High-Res-Schnittplätzen zur Verfügung gestellt.
Dabei gelangt das Videomaterial vielfach nur noch als Datenpaket vom Sender zum Empfänger. Je nachdem ob der Kameramann vor Ort Material zuliefert oder man die Videodaten über Netz oder Satellit erhält, greifen herkömmliche Bildsignale über SDI bzw. HD SDI und Datenfiles Hand in Hand.
Ist das Video-Material einmal aufgezeichnet, findet in den meisten Newsroom-Systemen die gesamte weitere Kommunikation nur noch auf Datenebene und über Fibre Channel statt, so auch der Schnitt am High-Res-Schnittplatz.

 

Datenmanagement und Automation

Die Metadaten von High- und Low-Res-Material – auch Assets genannt – liegen separat auf jeweils eigenen Servern vor. Über Datei-Manager auf beiden Metadaten-Servern wird das Material verwaltet und nach Material gesucht. Weil dieses sog. Asset Management der Daten über mehrere Netzwerke hinweg funktionieren muss, kommt es häufig zu Schnittstellenproblemen.
Meist übernehmen Automationssysteme das Asset Management, das neben dem Datenmanagement auch die Aufgabe hat, Geräte anzusteuern und diese mit einem Newsroom-System zu verkoppeln. Ohne Automation wäre eine vollintegrierte Nachrichtenproduktion nicht zu bewerkstelligen. Denn die Produktionstechnik muss sich über ein Netzwerk steuern lassen, das an den Newsroom angebunden ist.

Mittlerweile hat sich das MOS-Protokoll als Schnittstelle zwischen der Newsroom-Software und dem Automationssystem bei den meisten Anbietern durchgesetzt. Mit dem MOS-Protokoll lässt sich ein Nachrichten-Rundown vom Newsroom auf das Automationssytem übertragen und dadurch eine „Sendeablauf-Steuerung“ realisieren. Anhand einer „Play-List“ setzt dann der Operator die für die Sendung benötigten Geräte per Tastendruck oder Mausklick in Gang. Ein im Newsroom erstellter Sendeplan definiert genau, wann ein Filmbeitrag ablaufen soll, wann der Playout-Server einspielt, zu welchem Zeitpunkt Textinserts, Grafiken oder Teleprompter zum Einsatz kommen.
Heutige Newsrooms werden üblicherweise im halbautomatischen Betrieb eingesetzt, der Befehl zum Start einzelner Beiträge sowie der angeschossenen Peripherie und natürlich auch der Einsatz der Moderation, wird immer noch vom Ablaufredakteur genau vorgegeben. Da sich im tagesaktuellen Programmablauf der Sendeanstalten jederzeit etwas ändern kann, hat sich die vollautomatische Sendeablaufsteuerung nicht durchgesetzt.

avid iNews-Command

Nachrichtenautomation und Gerätesteuerung mit Avid iNews – Command

 

Unterschiedliche Server- und Speicherlösungen

Der zentrale Produktions-Server oder alternativ das Shared Storage System sind im Idealfall abgekoppelt vom eigentlichen Sende-Server. Dadurch ist das Online-Schnittsystem beim Ausspielen entlastet. Material, das zur Ausspielung gelangt, wird auf den Sendeserver kopiert und von dort aus gesendet.
Bei einer Server gestützten digitalen Produktion gibt es zwei unterschiedliche Netzwerk-Prinzipien zur Speicherung der Videofiles: das „Server Based Network“ und das „Server Assisted Network“. Das Server Based Network bezeichnet die Speicherung auf einem Zentralspeicher, bei dem mehrere RAID- Speicher direkt an den Server angeschlossen sind. Früher gab es nur diese zentrale Server-Technologie.

Doch das Storage Area Network (SAN) aus dem IT-Bereich hat sich heute meist durchgesetzt. Bei dieser Technologie werden die Videodaten auf einem gemeinsam genutzten Speichernetzwerk aufgezeichnet, an das alle „Clients“ angebunden sind. Die High-Res-Schnittplätze können dadurch direkt auf die Videodaten in diesem „Shared Storage“ genannten Speichernetzwerk zugreifen, ohne den Umweg über den Server gehen zu müssen.
Der Datentransport läuft über schnelle Fibre Channel-Verbindungen. Dadurch ist der Datendurchsatz, der sonst durch den Prozessor des Servers bestimmt wird, nicht mehr begrenzt. Dieses Prinzip erlaubt es, die Anzahl der I/O-Ports, also Ein-/Ausgänge zu vergrößern. Die Avid Unity ISIS arbeitet nach diesem Prinzip. Ein- und Ausspielung laufen meist über getrennte Server.

Quantel ist immer einen anderen Weg gegangen, den über einen Zentralserver. Die Zentralserver-Technologie wird aber nur noch in speziellen Bereichen verwendet. Quantels Zentralserver Clipbox zählt zwar zu den sichersten Server-Systemen am Markt, er ist mit Abstand aber auch am teuersten und eher als Highend-Server für den Grafikbereich oder einen größeren Systemaufbau konzipiert. Der Server kann gleichzeitig Ein- und Ausspielserver sowie Speichermedium sein. Jeder Speicherzugriff muss aber über den Server erfolgen und der stellt in Anhängigkeit der Servergröße ein Art Nadelöhr dar, durch den alle Daten müssen. Dies führt normalerweise zu Problemen mit der Bandbreite. Daher lässt die Technologie, abhängig von der Datenmenge und Speicherkapazität, nur eine begrenzte Anzahl von I/O-Ports zu. Mit der neuen Enterprise sQ-Server-Technologie bietet Quantel einen sehr flexiblen und sicheren Zentralserver an.

 

Ausblick

In Europa finden sich derzeit nur wenige Beispiele, bei denen das Konzept einer voll integrierten digitalen Produktion bereits umgesetzt ist. Dagegen sind Newsroom-Systeme weit verbreitet und viele Fernsehsender sind mitten im Prozess diese Systeme zu verbessern, Videobrowse-Möglichkeiten einzubinden und über den Newsroom die Produktionstechnik zu steuern. Die Firmen am Markt haben sich auf die Situation der TV-Sender eingestellt und bieten einzelne Komponenten an: Hard- und Software, Server, Bildspeicher, Schriftgeneratoren oder Automationssysteme, aus denen sich nach und nach ein digitaler Produktionsbetrieb aufbauen lässt. Dabei ist entscheidend welche Hersteller zusammenarbeiten, d.h. welche Geräte und Netzwerke miteinander kommunizieren können.

Die großen Sendeanstalten bestimmen natürlich den Trend in der digitalen Nachrichtenproduktion. Videokompressionsformat, Aufzeichnungsformat und Containerformat zum Austausch der Daten sind entscheidend für die Vernetzung. Bei der Videokompression existieren viele Dateiformate parallel. Als Aufzeichnungsformate haben sich aber Professional Disc von Sony und P2 von Panasonic mittlerweile durchgesetzt. MXF als offenes Containerformat zählt im IT-basierten nonlinearen Videoschnitt heute zum Standard. MXF wurde geschaffen, um den Austausch von audio-visuellen Dateien inklusiv der Metadaten zu vereinfachen und herstellerspezifische Einschränkungen zu umgehen.
Disk und Speicherkarten werden noch lange das Tagesgeschehen mitbestimmen, denn so manches Videoequipement wie Kameras, Recorder oder Kreuzschienen lassen sich noch gar nicht als Netzwerklösungen auslegen, da die Ansteuerungssysteme fehlen. Bis die Sendeanstalten ihren ganzen Programmbetrieb über Computernetzwerke realisieren können, ist noch ein weiter Weg.

Fachartikel im Film & TV Kameramann

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